+      Geistliches Wort

Auf dem nebenstehenden Bild lächeln sich Maria und das Jesuskind in inniger Verbundenheit gegenseitig an. Die Skulptur in der Nürnberger St. Lorenzkirche atmet ungetrübte, stille Heiterkeit. Welche Botschaften will dieses gegenseitige Lächeln uns übermitteln?

Zunächst drückt es uneingeschränkte Zusammengehörigkeit der beiden, übereinstimmung und Gemeinsamkeit zwischen beiden aus. Maria und das Jesuskind sind gemeinsam von derselben Gemütsbewegung bestimmt, dem Gefühl von Glückseligkeit. Woher kommt dieses sie einende und einander verbindende Gefühl? Nun, es wird das Bewußtsein sein, gemeinsam am Heilsplan Gottes des Vaters mitwirken zu können und dem Heil der ganzen Menschheit zu dienen. Dann wird es aber auch damit zusammenhängen, daß Maria und Jesus selbst ganz erfüllt sind von der Gnade und Liebe Gottes und daran teilhaben können. Es ist eine paradiesische Freude, die sie bestimmt. Diese Freude wirkt ansteckend, einmal auf die beiden Dargestellten selbst, dann aber - das ist beabsichtigt - auch auf diejenigen, von denen sie betrachtet werden, und nicht zuletzt auf die ganze Menschheit: alle, die das Angebot der Liebe Gottes und sein Erlösungswerk annehmen und von ihr umfaßt sind. Nicht zuletzt drückt es die ganz weltliche, geschöpfliche Freude aus, die zwischen jeder Mutter und ihrem Kind sich ereignen darf. Die Augen sagen mehr, als Worte sagen können. Intensivste Aufmerksamkeit spricht aus ihnen. überhaupt ist die gesamte Skulptur von einer starken Betonung der Sinnesorgane geprägt: So hat das Jesuskind übergroße Ohren, die Ohren eines erwachsenen Menschen. Maria hält in der rechten Hand (s. Rückseite) einen Granatapfel. In der christlichen Symbolik gilt der Apfel in der Hand Marias als Zeichen der Erlösung von der auf dem Sündenfall basierenden Erbsünde. Insofern wird Maria als die neue Eva dargestellt, die die Mutter des Erlösers ist. Der Granatapfel war im Alten Testament ein Zeichen göttlichen Segens (= Leben spendender Kraft). Von geistlichen Schriftstellern wurde der Granatapfel oft als Allegorie der Kirche gedeutet; die Samen wurden als Symbol für die Fülle der Mysterien und die große Anzahl der für den Glauben gestorbenen Märtyrer angesehen. Im Mittelalter galt der Granatapfel als Symbol für die Auferstehung Christi. So gesehen ist Maria hier als Mutter der Kirche und des Auferstehungsglaubens dargestellt.

Ein äußerst menschlich anmutendes, anrührendes Motiv ist, wie das Jesuskind mit seinem rechten Füßchen spielt. Das Bein ist angewinkelt; mit der Linken hält das Jesuskind das Füßchen an den Zehen fest und die Finger der rechten Hand hüpfen spielerisch auf dem rechten Knie (Zwei Finger und der Daumen sind leider abgebrochen.). Hier hat der Künstler seinem ganz urtümlichen Humor freien Lauf gelaßen. Das Kind darf - ganz kindlich - aus seiner göttlichen Rolle fallen! Ein göttliches Augenzwinkern!

Maria trägt eine Krone. Sie ist angetan mit dem Königtum Christi, so wie (wir!) alle, die an Christus glauben, nach 1. Petr 2, 9 mit dem Königtum Christi angetan sind ("Ihr aber seid ... die königliche Priesterschaft ..."). Ja mehr noch: Sie ist die leibliche Mutter des Königs Christus. Das Königtum Jesu Christi: Mit ihm ist nach dem Lukas-Evangelium dem "Friedenskaiser" Augustus, deßen Friede auf Waffen, den römischen Legionen und auf brutaler Machtausübung beruht, der Friede des ewigen Gottes entgegengesetzt, der auf Gerechtigkeit für alle, besonders für die, die im Elend sind, auf Wahrheit, auf Erhöhung der Niedrigen, auf Sättigung der Hungrigen, auf Hintansetzung der Reichen gegründet ist. Nicht von ungefähr wird der "Königsmutter" Maria der Hymnus in den Mund gelegt, der das Regierungsprogramm dieses wahren Friedenskönigs enthält. Das Friedensregiment Gottes hat schon begonnen; vor allem ist es eine große Hoffnung, die fortwährend neue Kräfte und Kampfesmut freisetzt. Insofern ist das Lächeln, das Lachen der Mutter und ihres Sohnes ein Lächeln der Hoffnung, ein Lachen gegen jede Gewaltherrschaft, gegen die Macht, die auf Soldatenstiefeln und auf Geld beruht, ein Lachen für die Erneuerung der zwischenmenschlichen Beziehungen im Zeichen einer Geschwisterlichkeit, von Gottes Menschenfreundlichkeit gestiftet!

Friede, Freude, Lachen, das aus der Tiefe des Herzens kommt. Dazu Mutterglück und Kindeswonne - wenn ich Ihnen dies alles wünschte (wie gern täte ich es!), würden Sie vielleicht sagen: Zu schön, um wahr zu sein! So wünsche ich Ihnen, daß ein kleines bißchen von diesem Glück, von dieser Freude, von diesem Frieden, von dieser Hoffnung Sie erfüllen kann.

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