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SEHNSUCHT NACH ERLÖSUNG UND NACH DER FÜLLE DES LEBENS

ADVENTS- UND WEIHNACHTSMEDITATION 2014
NACH HOLZTIEFDRUCKEN VON HANS GEORG ANNIÈS

"ES MUSS DOCH MEHR ALS ALLES GEBEN!" (D. SÖLLE)
Wenn die Nacht weicht, der Tag heraufzieht und wir unsere erwachenden Augen aufschlagen, wenn also die Pforten unserer Seelen sich öffnen - dann mag auch die uralte Sehnsucht aufwachen, die von niemandem und von nichts auf dieser Welt gestillt werden kann: Sehnsucht nach der Begegnung mit diesem MEHR, daß es unser Leben zum Beßeren wende, daß es das bloß Tatsächliche, das bloß Sichtbare, das 'nicht zu Ändernde' in unserem Leben übersteige und durch Hoffnung verwandle. Immer wenn Tore oder Türen aufgehen - ob es die Haustüre ist, durch die wir die frische Luft des Morgens schnuppern, durch die wir ins Gewühl des Tages treten, die Ladentür, die der Kaufmann morgens öffnet, in der Hoffnung auf ein besonders gutes Geschäft an diesem Tage, oder ein Gefängnistor, durch das ein entlaßener Gefangener in die Freiheit tritt, um ein neues Leben zu beginnen - immer schimmert in solchen Momenten symbolhaft die sehnsüchtige Erwartung auf das Besondere, das unerhört Außergewöhnliche durch, daß es sich ereigne. Möchte es doch bewirken, daß die harten Gesetze der Alltagswelt nicht das letzte Wort haben: das Recht des Stärkeren, die Erbarmungslosigkeit der Mächtigen und Besitzenden, das Re-giment von Macht und Geldgier, das sich um jeden Preis erhalten will - diese Todeßtrukturen der Welt möchten doch abgelöst werden durch eine Kraft, die wir den Frieden Gottes nennen, "der höher ist als alle Vernunft".

"MACHET DIE TORE WEIT UND DIE TÜREN IN DER WELT HOCH, DASS DER KÖNIG DER EHRE EINZIEHE!" Dieser Ruf, der die Ad-ventszeit durchhallt, will uns aufrütteln, sich auf die Erwartung dieses Besonderen einzurichten und uns darauf neu auszurichten. Einziehen soll der, der den Frieden Gottes bringt, der "wie ein Backofen voll Liebe" ist, "der von der Erde bis an den Himmel reicht" (Martin Luther). Sein Wesen ist so groß, so weit, so stark, so mächtig, so grenzenlos, so überwältigend, sein Friede so allumfaßend, daß alle Tore in ihrer ganzen Höhe, alle Türen weit geöffnet werden müßen, damit sein Einzug ungehindert vonstatten gehen und er gebührend empfangen werden kann. Und das in aller Welt, weil dieser Friede - bewußt oder unbewußt - von allen Menschen, von allen Geschöpfen, von der ganzen Welt sehnlichst erwartet wird.

Die oben abgebildeten Vier Holztiefdrucke des Moritzburger Grafikers und Holzschneiders HANS GEORG ANNIÈS (1930-2006), die den Meditationsraum von Stift Urach schmücken, sind neben verschiedenen anderen Deutungen trotz ihrer Abstraktion, so scheint es mir, auch für die künstlerische Deutung des Adventsrufes aus Psalm 24 sowie des Advents- und Weihnachtsgeschehens offen:
In der Bildsprache des Künstlers steht das Viereck für die ganze Welt (vier Himmelsrichtungen, Weltkarte). Auf Bild 1 und 2 sieht man kein geschloßenes, sondern nur ein unvollständiges Viereck, das nach einer Seite hin offen ist: Es fehlt die Begrenzung auf der linken Seite. Stellt man sich das Viereck als geschloßenes vor - das ist vom Künstler so intendiert und entspricht auch unseren Sehgewohnheiten (unsere Augen wollen das offene Viereck ergänzen) - , dann bilden die gemaserten, kleinrechteckigen Druckflächen, die das Viereck begrenzen, ein Kreuz, das in der Mitte leer ist. Das vom Kreuz gebildete Viereck (das nach einer Seite hin offen ist) kann die ganze Welt in seine Mitte aufnehmen. Die Welt ist vom Kreuz, das nicht ganz vollständig ist, an drei Seiten umschloßen.
Nach dem Zeugnis der Bibel und der Kirchenväter gehören Krippe und Kreuz zusammen. 'Kreuz' bedeutet einmal die Unbarmherzigkeit der Gewalt, die die Welt regiert und die dazu führt, daß Menschen und Kreaturen immer wieder gekreuzigt werden, dann aber auch die Liebe Gottes, die Hingabe, die der Gotteßohn am Kreuz bis zuletzt durchgehalten und bewahrt hat, um die Macht der Todeßtrukturen zu überwinden.
Die offene Flanke der Welt und des Kreuzes, dem ein ganzer Arm, eine Seite fehlt, sodaß da eine Öffnung frei wird, gibt zu dem Gedanken Anlaß: Ist diese offene Seite nicht verletzlich? Oder: Wird hier nicht eine Grenze abgebaut (mit dem Risiko der Verletzlichkeit), damit eine bedingungslose Einladung ausgesprochen werden kann? "Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, daß der König der Ehre einziehe!" Das Regiment der Macht-erhaltung und Geldgier hat, um die Liebe und den Frieden nicht einlaßen zu müßen, die Tore und Türen in der Welt so fest zugenagelt, daß wir es mit unserer Kraft gar nicht vermögen, die Tore weit zu machen und die Türen in der Welt hoch. Er selbst muß es tun, der Friedenskönig, damit er einziehen und damit es Advent werden kann. Deshalb hat er selbst - durch seine Hingabe am Kreuz - die Tore seines Herzens weit gemacht und die Türen in der Welt hoch, sodaß die ganze Welt, wir alle, die Menschen seines Wohlgefallens, mit ihm in seinen Frieden einzie-hen können. Wir erwarten ihn sehnlich - aber genau so sehnsuchtsvoll wartet er auf uns. Advent will uns nicht nur darauf einstimmen, daß der König zu uns kommt, sondern auch uns durch weit geöffnete Türen und hoch aufge-machte Tore dazu einladen, daß wir zu ihm uns aufmachen, unsere (Herzens-) Türen ihm öffnen. Das geht aber nur mit seiner Hilfe. Er ist es, der uns die Türen entriegelt. Dann können wir sie öffnen. Der offene, leere Platz in der Mitte des offenen Kreuzes ist bereitet, 'reserviert'. Deshalb bleibt er leer, als Einladung an uns und an alle Welt, ihn einzunehmen.
Am Anfang ist die Welt noch "aus den Fugen", es regiert das Chaos, der Unfriede (Bild 1). Durch die Liebe des Got-teßohnes, die die ganze Welt durchwaltet und wie Sauerteig durchwirkt, wird das Chaos geheilt, dem Unfrieden die Macht genommen (Bild 2). Wenn es gelingt, die Tore weit zu machen und die Türen in der Welt hoch, dann kann auch das Chaos, die Diktatur des Geldes und der Machterhaltung keine verriegelten Portale und keine verschlos-senen Tore mehr haben; sie müßen die Liebe des Friedenskönigs hereinlaßen und sich von seinem Frieden von innen auflösen laßen. Das macht der Künstler sichtbar durch den Übergang vom Bild der Heillosigkeit des Chaos (Bild 1) zum Bild der geheilten Struktur (Bild 2).
Davor haben sie Angst, die vom Geld und von der Macht profitieren. Deshalb versuchen sie, die Liebe zu töten und den Frieden zu zerstören.
Immer noch ist der Tod das Ende dieses Weges in den Frieden Gottes, signalisiert durch das schwarze Kleinrechteck, das den Weg in die Geborgenheit des Vierecks undurchdringlich begrenzt.
Damit hat sich gezeigt, daß Advent und Kreuz zusammengehören. Der Gekreuzigte hat die Tore in der Welt weit geöffnet. Der Heilsweg muß nicht in der Reihenfolge des Kirchenjahres verlaufen.
Aber was ist mit dem Weihnachtsfest, auf das im Kirchenjahr der Advent zuläuft?
Bild 4 macht sichtbar, wohinein die vom Kreuz ausgelöste Bewegung mündet. Das Kreuz ist nun geschloßen, aber nicht nur geschloßen. Der Künstler hat die drei Kreuzesbalken nun dazu verwendet, die drei Personen der Trinität darzustellen (Das gleichseitige Dreieck ist in der christlichen Bildsprache Symbol für die göttliche Dreieinigkeit). Die Welt, die vorher Schutz und Heil gesucht hat im inneren Bereich des Kreuzes, ist nun liebevoll umschloßen von der Trinität. Am Christfest ist Gott Mensch geworden. An diesem Geschehen sind alle drei Personen der göttlichen Dreifaltigkeit beteiligt. Die göttliche Liebe ist in die Welt gekommen. Hat der Künstler nicht in seiner abstrakten Bildsprache die Weihnachtsbotschaft ausgedrückt?
Ich meine, auch die Osterbotschaft! Der Tod ist nicht mehr das Ende des Lebensweges, sondern er liegt am Boden; Leben steigt aus seiner Undurchdringlichkeit heraus. Doch auch dies war nicht möglich ohne Kampf gegen Chaos, Unfriede und die Mächte des Todes: Das Chaos bäumte sich noch einmal auf (Bild 3), wurde aber geheilt (Bild 4). Weihnachten und Ostern fallen hier zusammen.
Das Weihnachtsfest, das Fest der Menschwerdung Gottes, ist nicht nur eine rührende Geschichte von der Geburt eines armen Kindes in einer lebensfeindlichen, herzlosen Welt; hier zeigt sich auch die abgrundtiefe Liebe Gottes, mit der er sich der Welt zuwendet. Zeichen für diese Liebe ist die göttliche Trinität, die drei Erscheinungsweisen des einen Gottes, die von ewiger Liebe zueinander durchdrungen und ineinander verflochten sind und in bedin-gungs- und grenzenloser Liebe die ganze Welt, die ganze Schöpfung in ihrer Mitte umschließen.
Der Künstler Hans Georg Anniès hat diesen Weg der Liebe Gottes in die Welt in seiner abstrakten Bildsprache nachgezeichnet. Es ist ein Weg in mehreren Stationen, nicht ohne Kampf, nicht ohne Verletzlichkeit der Liebe.

"ES MUSS DOCH MEHR ALS ALLES GEBEN!" Die Hoffnung, daß sich dieses MEHR in unserem Leben eines Tages ereigne, hat ihre Basis in diesem Weg der Liebe Gottes in die Welt.
Es ist allen Menschen, denen die Advents- und Weihnachtsbotschaft etwas bedeutet, zu wünschen, daß dieser Weg auch ihren Lebensweg kreuze und ihn neu ausrichte, sie verwandle.

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