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Früchte des Glaubens

Predigt über Joh 15, 1-8 (Osterzeit)

I
Liebe Gemeinde,
vom Kirchenvater Origenes stammt das Wort zum Weihnachtsfest: "Was nützt es mir, wenn Christus in Bethlehem geboren ist, aber nicht in meinem Herzen?" Er hätte dies genau so auch vom Osterfest sagen können: "Was nützt es mir, wenn Christus auf Golgatha auferstanden ist, aber nicht in meinem Herzen?" Genau davon, wie Christus in unseren Herzen auferstehen kann, wie seine Auferstehung uns im Innersten verwandeln kann, handelt der Wochenspruch: "Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen; siehe, Neues ist geworden." Christus will täglich, ja stündlich in unseren Herzen auferstehen, nicht nur dann, wenn uns etwas widerfährt, das uns anficht und zu schaffen macht, das überstanden und überwunden werden muß, sondern auch, wenn uns etwas Schönes geschenkt wird, das uns aufjauchzen läßt und uns große Freude macht. Osterfreude will uns nicht nur in der Osterzeit, sondern das ganze Jahr umfangen und umfaßen. "Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen; siehe, Neues ist geworden." Dieses Wort will sich wie eine Knospe in unsere Seele einwurzeln und aufblühen, sodaß wir uns wie neu geboren fühlen.
Wie geht das zu, in Christus sein und ein neues Geschöpf werden? Davon spricht der Predigttext, der uns heute vorgeschrieben ist: Jesu Rede vom Weinstock und den Reben aus dem 15. Kapitel des Johannes-Evangeliums:
"15, 1 Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. 2 Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen; und eine jede, die Frucht bringt, wird er reinigen, daß sie mehr Frucht bringe. 3 Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe.4 Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt.
5 Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. 6 Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer und sie müßen brennen. 7 Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren.
8 Darin wird mein Vater verherrlicht, daß ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger."

II
Die Frage war: Wie können wir zu einer belebenden Auferstehungserfahrung kommen, die uns verändert, die uns heil macht, die für unser Leben im Alltag hilfreich ist? Hier scheint aber gar nicht vom Alltag die Rede zu sein; vielmehr bekommen wir ein Bild zugesprochen. Dieses Bild mutet geheimnisvoll an. Ein Geheimnis kann man nicht auflösen wie ein Rätsel: man kann sich ihm nähern, man kann in ihm wohnen - doch es bleibt Geheimnis. Ja - bleiben, leben kann man in ihm, aber es hört nicht auf, Geheimnis zu sein. Gott selbst ist ein solches Geheimnis, das Leben ist Geheimnis, der Glaube, die Liebe ist und bleibt Geheimnis, die Hoffnung auch. Und übrigens auch der Tod; er ist bedrängendes Geheimnis. Dieses Geheimnis wird überboten - überboten durch das Geheimnis der Auferstehung. Je mehr wir in ihm wohnen, desto wirksamer verwandelt es uns heilsam.

III
Und nun das Bildwort vom Winzer, vom Weinstock und den Reben. Drei Beteiligte sind es also: "Ich bin der wahre Weinstock, ihr seid die Reben. Mein Vater ist der Weingärtner." Ein wunderbares Beziehungsgeflecht: Was ist der Weinstock ohne die Reben? Jesus nennt sich Weinstock, Weinstock für die Reben. Was ist der Winzer ohne den Weinstock? In diesem Wort Jesu definiert Gott sich geradezu als derjenige, der nichts anderes im Sinn hat, als die Reben zu hegen und zu pflegen; und die Reben, das sind wir!
Sein ganzes Bestreben ist, daß wir, die Reben, Frucht bringen - denn was wäre die Rebe ohne ihre Frucht, die Trauben? Immer mehr Frucht sollen die Reben bringen, dazu reinigt er sie fortwährend. Gott will Leben und Freude in Fülle bringen; dazu will er uns brauchen. Nicht daß wir das Letzte aus uns herausholen müßten: Er, der Winzer ist es, der an uns wirkt; der Weinstock ist es, der uns nährt und trägt, der sein Leben und seine Kraft über uns außtrömen läßt; wir brauchen sein Wirken nur an uns geschehen zu laßen. Wir brauchen uns nur von dem Saft, den der Weinstock gibt, nähren und tränken zu laßen. So hat Christus engste Verbindung zu uns, indem er nichts anderes tut als uns zu nähren, und wir nichts anderes tun sollen als uns von ihm nähren zu laßen, uns mit der Kraft seines Saftes voll zu saugen. Aber aufgrund der überaus innigen Verbindung, die Jesus mit dem Vater hat, nimmt er uns in diese innige Beziehung mit hinein. Sodaß wir, die Reben, mit Christus, dem Weinstock, und dem Winzer, Jesu Vater, eine Dreieinigkeit bilden, die nicht nur eine enge Beziehung untereinander ist, ein Dreiecksverhältnis, sondern ein lebendiger Kraftaustausch.

IV
Doch dann ein schwieriger Aspekt dieses Bildwortes. Die Reben müßen gereinigt werden, damit die Kraft des Weinstocks nicht irregeleitet werde in solche Triebe, die nicht gut sind und auszutrocknen drohen. Mehr noch: die ganz vertrockneten Reben werden abgeschnitten und ins Feuer geworfen. Oft müßen ja auch wir bittere Erfahrungen machen, daß wir in Situationen hineingestellt und hineingeführt werden, die weh tun und schier nicht erträglich sind. Da haben wir das Gefühl, von Gott verlaßen zu sein.
Doch Jesus nimmt sofort seinen Jüngerinnen und Jüngern und damit auch uns etwa aufkommende Ängste: Der Kraftaustausch aufgrund der innigen Verbindung mit ihm ist so stark, so wirkungsvoll, daß wir gar nicht erst in Gefahr geraten, gereinigt werden zu müßen oder gar ins Feuer geworfen zu werden: Gereinigt sind wir - ohne Bild gesprochen - durch das Wort Christi. "Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe." Wort Christi: Das ist mehr als Worte; es ist geheimnisvoll wirkmächtige Kraft. Es ist: er selbst. Er wirkt durch uns, daß wir reiche Frucht bringen. Er wirkt an uns, indem er in uns eingeht und in uns wirkt.

V
Frucht bringen - was ist das?
Wir verstehen das Fruchtbringen heute meist als Leistung. Die Frucht sei eine zu erbringende Leistung. Ich bin, was ich leiste. Es geht mir gut, wenn ich alles unter Kontrolle habe. Im Griff habe. Das aber ist die Pest unserer Zeit; denn Menschen werden unter der Last, immer mehr leisten zu wollen oder zu müßen und sich durch ihre Leistung zu definieren, kaputt. Die christliche Variante ist "gute Werke tun". Daran ist Luther schier zerbrochen, bis er entdeckte, daß es vor Gott darum gar nicht geht.
"Frucht bringen" im Sinne Jesu hat mit Leistung bzw. mit "gute Werke tun" überhaupt nichts zu tun. Wovon Jesus hier spricht, sind keine guten Werke, sondern die Frucht unseres Glaubens.
Es ist wohl nicht dies oder das, sondern: das ganze Wesen der Rebe und das Wesen des Weinstocks gewinnt hier Gestalt. Es ist Lebendigsein in höchstem Maß, das Lebendigsein unseres Glaubens, durch Gott selbst gewirkt. Das Leben aus ihm, aus Christus. Die Liebe Christi, die in unserer Existenz aufleuchtet. In seiner Liebe bleiben: das ist Frucht bringen. So können sich Christus und ich uns gegenseitig durchdringen. Davon kann auch mein Gebet erfüllt sein: "Du in mir, ich in dir."
Im Bild gesprochen: Als Reben sind wir innigst mit dem Weinstock verbunden und leben von seinem Saft, von seiner Kraft. Der Winzer hat nur eines im Sinn, uns zu pflegen und zu hegen. Dann kann die Frucht nicht unser Werk sein. Denn: die Frucht können wir nicht machen. Die Frucht ist ein Geheimnis. Sie kommt aus dem Geliebt werden. Aus dem Saft, der vom Weinstock in die Rebe fließt. Aus nichts sonst. Gottes Liebe ist die Kraft, die uns viel, d. h. reiche Frucht bringen läßt.
Was können wir tun? Nur dies eine: am Weinstock bleiben. In der Liebe bleiben. Sich fortwährend lieben laßen. Als Rebe den nährenden Saft des Weinstocks aufsaugen. Der Weinstock ist wie ein Haus, das uns birgt. Das Haus der Liebe Gottes. Gott liebt uns mehr, als wir uns lieben können. Mehr, als wir uns vorstellen können. Das Einzige, das wir tun können, ist: uns dem einfach hingeben. Dann kommt die reiche Frucht von selbst. Sie treibt sich von selbst heraus. Sie ist reiche Frucht, muß aber nicht vollkommen sein. Darum brauche ich mich nicht zu kümmern. Ich muß nur mich lieben laßen. Nichts weiter.
Deshalb sagt der Kirchenvater AUGUSTIN kurz und bündig: "Liebe (d. h.: sei mit Gott durch seine Liebe innigst verbunden), und dann tu, was du willst." Und der große Abt BERNHARD VON CLAIRVAUX bekennt: Einst habe er gemeint, er müße wie ein Kanalrohr sein, durch das die Liebe Gottes geradewegs zu den anderen Menschen fließe. Aber er sei zu der Einsicht gekommen: Er müße wie eine Brunnenschale sein, die erst von Gottes Liebe ganz voll werden müße, bevor Dann sie überfließen und die Liebe an die anderen Menschen weitergegeben könne.
Die Frucht ist Geschenk. Das unterscheidet sie grundsätzlich vom Werk. Sie ist mehr, reich, d. h. immer mehr als sie ist. Eben Geheimnis. Das Werk ist äußerlich. Es ist ein Produkt. Unter Kontrolle entstanden. Die Frucht aber ist innerlich, es ist die Liebe Gottes in ihr. Sie ist nicht mein Werk, nicht Menschenwerk, sondern Gottes Geschöpf. Sie ist geworden, weil ich geliebt bin und das zugelassen habe. Die Frucht hat Gott in sich, hat Ewigkeit in sich. Eben das Geheimnisvolle. Werke brauchen wir nicht zu tun. Aber Frucht bringen, das gehört zu unserer göttlichen Bestimmung.

VI
Noch einmal die Frage: Wo kommt da der graue und manchmal mühsame Alltag vor? Ist das nicht alles zu theoretisch? Ist das nicht alles zu schön, um wahr zu sein? Schönfärberei? Die noch durch eine Außage Jesu auf die Spitze getrieben wird: "Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren." Machen wir nicht ganz andere Erfahrungen, nämlich, daß unser Beten oft eben gerade nicht erhört wird?
Zunächst die Frage nach dem Alltag. Er wird nicht nur grau und mühsam sein, sondern auch trostlos und bitter. Denn Jesus bereitet hier, am Vorabend seines Todes, die Jünger darauf vor, daß er sie werde verlaßen müßen. Sie - und mit ihnen auch wir alle - werden künftig ohne ihn ihr Leben führen und darin bestehen müßen, und das in einer rauen Welt voller Widrigkeiten und Aggreßionen, die uns bedrohlich zusetzen. Mitten in dieser Welt bietet Jesus uns eine Heimat an: eine Gottesgemeinschaft, aus der wir auch in gefahrvollsten Anfechtungen nicht herausfallen. Da wird nichts schön gefärbt. Wir werden weiterhin scheitern und es wird auch manches gelingen, wir werden weiterhin die Erfahrung von Sinnlosigkeit machen - und es wird uns unvermutet ein glücklicher Augenblick zuteil, wir werden Menschen verlieren und gewinnen. In alledem werden wir uns am Weinstock bergen können. In alledem werden wir durch seine Kraft gestärkt werden können. Oder - ohne das Bild: Wir werden leben können in der Kraft der Auferstehung.
Daß dies geschieht und daß dies nicht aufhört, dafür ist Gott der Vater als Weingärtner unabläßig bei der Arbeit, die Reben zu hegen und zu pflegen. Und: Deshalb beschwört Jesus die Jüngerinnen und Jünger und uns fortwährend, bei seinem Wort zu bleiben - um im Bild zu sprechen: als Reben an ihm, dem Weinstock, zu bleiben. Das Wort 'Bleiben' kommt in dem ganzen Abschnitt 11mal vor!
Der Saft, der aus dem Weinstock in die Reben quillt, das ist Jesu Wort. Ein Wort, das unverbrüchlich ist, das wirkt, was es sagt. Ein Wort, das wundertätig ist. In uns Wunder wirkt. Das wie ein Same in unserer Seele Wurzel schlägt und aufgeht. Uns verwandelt. Oder beßer: Uns unentwegt neu erschafft wie bei der ersten Schöpfung. Das kann es; denn es sagt nichts weniger als: 'Du, Mensch, bist von mir, von Gott vorbehaltlos geliebt.' Das Wort der Liebe kann Berge versetzen.

VII
Und Jesu Verheißung: "Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren."? Dieses Wort ist für viele von uns ein brennendes Problem: Denn die Erfahrung scheint doch zu lehren, daß manche Gebete von Gott erhört und erfüllt werden, andere aber nicht.
Auch unsere Fürbitten werden zwar manchmal, aber oft auch nicht erfüllt. Fürbitten sind aber für uns selbst wichtig, damit wir uns unserer Verantwortung für diejenigen, für die wir bitten, mehr bewußt werden und für sie eintreten.
Jesus war sich deßen gewiß: Gott der Vater hört und erhört sein Gebet. Also auch unser Gebet. Im Garten Gethsemane betet er: "Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von mir; doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe!" (Luk 22, 42). Und doch ruft er am Kreuz hängend: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlaßen?" (Mk 15, 34).
So drängend die Frage ist, ich kann sie hier nur kurz behandeln. Ich glaube, und daß meine ich ganz fest bezeugen zu können: Worum wir auch bitten, Gott erhört unsere Bitte in jedem Fall, indem er uns, wenn wir in Jesu Wort von der Liebe Gottes bleiben, an seiner Auferstehungskraft teilhaben läßt, mit der wir überstehen können, was immer uns zustößt. Das zweite ist: Unser Gebet ist notwendig. Es ist notwendig, daß wir in unaufhörlichem Gebet mit Christus verbunden sind. "Du der Weinstock, ich die Rebe." Dann bleiben wir an ihm, dem Weinstock. In seinem Wort. Im Haus seiner Liebe. In der Kraft seiner Auferstehung. Dann kann an uns geschehen, was DIETRICH BONHOEFFER im Gefängnis, den sicheren Tod vor Augen, bekannte: "Ich glaube, daß Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen laßen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen laßen. Ich glaube, daß Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlaßen. In solchem Glauben müßte alle Angst vor der Zukunft überwunden sein."
So kann Jesu Rede vom Weinstock und den Reben als ein Vermächtnis des unsichtbaren Auferstandenen an uns verstanden werden: Für die Zeit, daß er nicht mehr sichtbar bei uns ist, verspricht er uns unverbrüchlich die Teilhabe an der Kraft seiner Auferstehung, damit die Liebe Gottes, in die er uns hineingestellt hat, uns erhalten bleibt, sodaß wir nicht aus ihr herausfallen. Das ist seine und seines Vaters größte Sorge für uns! Amen.

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