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Suchet der Stadt Bestes

Predigt über Jer 29, 7

Gedanken zum politischen Handeln in der Gesellschaft

"Suchet der Stadt Bestes" - dieser Spruch steht auf einer Glocke meiner Heimatkirche in der Großstadt im Ruhrgebiet, in der ich aufgewachsen bin. Sonntag für Sonntag ruft sie Bürgerinnen und Bürger, die Mitglieder des Stadtparlaments und der Stadtverwaltung, Bürgermeister und Bürgermeisterinnen, alle, die ein Amt haben, alle, die ein Geschäft betreiben und überhaupt eine Arbeit ausführen, dazu auf, mit all ihrem Sinnen und Trachten darauf bedacht zu sein und alle ihre Kräfte dazu einzusetzen, dass das Wohl der Stadt jederzeit wachse und gedeihe: "Suchet der Stadt Bestes."
Ein Grundsatz, der als Überschrift jede Überlegung zum politischen Handeln in einem Gemeinwesen jeder Staatsform einleiten sollte. Eine Präambel jeder humanen Regierungskunst.
Wenn dieser Satz aus der Bibel stammt, dann bedeutet dies, dass die religiöse Tradition sich als die Speerspitze aller menschlichen Bemühungen um das Allgemeinwohl versteht - oder wenigstens sich in vorderster Front mit allen Strömungen weiß, die sich für den Frieden, für Gerechtigkeit, für Freiheit, für die Gleichstellung aller Menschen und für das Wohlergehen der Bürgerinnen und Bürger einsetzen.
Wenn man die Situation genau anschaut, in die hinein dieses Wort gesprochen ist, verstärkt sich dieser Eindruck eklatant.
Dieses Wort ist einem Brief des Propheten Jeremia entnommen, den er an die in der Fremde lebenden, nach Babylon in die Gefangenschaft deportierten Juden geschrieben hat. In einem Eroberungskrieg vollständig besiegt, waren sie zutiefst angefochtene Menschen, unfreiwillig einer Gesellschaft einverleibt, die sich in ihrer Religion, durch ihre politische Macht und durch eine raffinierte Zivilisation als haushoch überlegen darstellte und die Besiegten das auch fühlen ließ. Das Schlimmste aber war, dass das Volk Gottes fern vom Tempel sich von ihm isoliert und verlassen fühlte. Falsche Propheten schürten die Hoffnung auf baldige Rückkehr nach Jerusalem, wo dann in der wieder gewonnenen Nähe des Tempels die alte Geschichte hätte weitergehen sollen so wie bisher, so als wäre nichts geschehen, in den alten gewohnten Bahnen: ohne Umdenken, ohne innere Wandlung, ohne die Frage an sich selbst und an Gott: Was ist denn jetzt dran? Was ist denn hier und jetzt die Botschaft Gottes? Wo stehe ich jetzt vor Gott? Worum geht es jetzt in meiner Geschichte mit ihm?
Dagegen schreibt Jeremia (Buch Jeremia, Kap. 29):
"(5) Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; (6) nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären; mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet.
(7)Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn's ihr wohlgeht, so geht's euch auch wohl."

Damit will Jeremia seinen deportierten Landsleuten sagen:
Bleibt nicht stecken in nostalgischer Rückschau! Trauert nicht dem nach, was ihr verloren habt! Beklagt nicht den Verlust des Tempels! Haltet das Alte, Verlorene nicht fest! Geht mit mutigem und getrostem Herzen in die Fremde und macht sie euch heimisch! Pflanzt Bäume, heiratet, lebt in der Welt von heute und von morgen! Arrangiert euch mit der fremden Umwelt, in die ihr ja jetzt gestellt seid! Das heißt doch " für die damaligen Adressaten und für uns heute: Auch wenn ihr in der Fremde wohnt, macht sie euch wohnlich! Euch selbst und allen Mitbewohnern, wie auch immer sie gegen euch gesinnt sind! Überall wo ihr seid, in welcher Stadt auch immer, ob benachteiligt oder nicht: Beteiligt euch an ihrer Gestaltung und fördert so ihr Wohl, ihren Wohlstand! Bessert ihre Lebensqualität!
Und dann zeigt der Prophet den Adressaten seines Briefes, wie sie das Beste der Stadt suchen können: indem sie Gott suchen. Er fährt nämlich fort:
"... und betet für sie zum HERRN; denn wenn's ihr wohlgeht, so geht's euch auch wohl.
(12) Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören. (13) Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, (14) so will ich mich von euch finden lassen, spricht der HERR.

(11) Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung."
Zweierlei können Menschen für ihr Gemeinwesen tun:
Das erste ist das Gebet für die Stadt. Jeremia ist sich sicher: Wenn für die Stadt gebetet wird, dann wird es ihr wohl ergehen, und nicht nur ihr, sondern auch denen, die für sie beten. Dann ist sie und die, die für sie beten, in besten Händen. Reformen können dann nur friedlich und zum Wohle der Stadt, des Gemeinwesens geschehen.
Die Voraussetzung aber, dass für die Stadt gebetet wird, ist, dass die Menschen Gott suchen. Es ist dasselbe Wort: "Suchet der Stadt Bestes!" Und: "Suchet Gott!" Gott steht für das Leben. Für die Förderung des Lebens. Wenn Ihr Gott sucht, sucht ihr das Leben. Und den, der Leben gibt. Wenn ihr in seinem Namen der Stadt Bestes sucht, sucht ihr für sie die Förderung des Lebens. Zusammen mit allen, die mit euch wohnen. Nicht in der Vergangenheit, die vergangen ist, sondern da, wo er sich euch gegenwärtig und im Innersten offenbart: in eurem Herzen und Gewissen! Traut ihm zu, dass er euch da begegnet, wo ihr seid. Sucht Gott da, wo ihr jetzt und in Zukunft seid! Er wird sich dort und nirgendwo anders von euch finden lassen.
Als Suchende sind wir schon Gefundene. Es ist nicht so, dass wir zuerst Sehnsucht nach Gott haben und uns zu ihm aufgemacht haben, damit er sich uns zuwendet, sondern wir dürfen dessen gewiss sein, dass er zuallererst sich in Sehnsucht nach uns verzehrt hat und immer schon auf dem Wege zu uns ist. Und so hat er die Sehnsucht in uns hinein gelegt, so dass wir offen sein und bleiben können, immer im Aufbruch zu neuer Existenz - wie Abraham. Wir können auf dem Weg bleiben in der Sehnsucht nach den Menschen, die um uns herum sind, in der Sehnsucht nach dem Geheimnis unserer Existenz - "Es muss im Leben mehr als alles geben" - und in der Sehnsucht nach ihm, der immer mehr als alles ist und die Krone allen Seins.
Gott finden, von ihm gefunden sein, ist alles finden, ja mehr als alles finden. Gott finden ist die Liebe finden. Gott finden ist das Leben finden. Ich finde Gott in der Unmittelbarkeit des Gebets, in der Hoffnung auf Überwindung der Todesmacht in meinem Leben und in der Welt, in der ich lebe, in der Befreiung von aller Schuld. Ja selbst in der Suche nach Gott finde ich seine Realität, seine Wirklichkeit, sein Wirken an mir; denn wenn ich nicht schon gefunden hätte und gefunden wäre, würde ich nicht suchen.
Dazu eine chassidische Geschichte:
Das Versteckspiel
Der Enkel Rabbi Baruchs, des Enkels des Baal Schem, spielte einst mit einem anderen Knaben Verstecken. Er verbarg sich und wartete in seinem Versteck lange Zeit und meinte, sein Gefährte suche ihn und könne ihn nicht finden. Als er lange gewartet hatte, kam er heraus und sah den anderen nicht und merkte, dass dieser ihn von Anfang an gar nicht gesucht hatte.
Alsdann lief er in die Stube seines Großvaters mit Weinen und Klagen über den Bösen. Da flossen die Augen Rabbi Baruchs über, und er sagte: "So spricht Gott auch: "Ich verberge mich, und keiner will mich suchen."

Warum will Gott von uns gesucht werden? Warum liegt sein Wesen nicht offen da? Warum steht er nicht jederzeit und an allen Orten zur Verfügung, sondern bleibt für uns Geheimnis? Warum riskiert Gott, dass wir ihn suchen oder auch nicht suchen, und ihm das bitter weh tut, wenn wir ihn nicht suchen? Warum macht er sich so von uns abhängig?
Vielleicht können Sie darüber nachdenken und selber Antworten auf diese Fragen finden.

Udo Hofmann

Bild: Eine württembergische Stadt. Petar Salopek (1909-1989), Ansicht von Tübingen (1972), Détail. Privatbesitz. Der kroatische Maler Petar Salopek lebte und arbeitete 1972/73 einige Monate bei uns und war unser Gast.
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