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Der Mensch gewordene Gott

Seine Geburt, sein Tod, seine Auferstehung und das Mitleiden der Kreatur
Im Kloster Sumela in der Nordosttürkei in den Bergen hoch über Trabzon (Trapezunt) entdeckten wir auf einer unserer Reisen ein Fresko, das uns sehr ansprach. Es ist stark zerstört. Das, was noch zu sehen ist, mutet infolge der Beschädigungen wie ein halb verfremdetes modernes Bild an.
Einem örtlichen Kunstreiseführer entnehmen wir, dass in den beschädigten Teilen des ganzen Bildes noch eine größere Szene schwach zu erahnen ist - was wir nicht erkennen konnten: Maria, nach der Geburt erschöpft liegend, oben Engel, die Geburt des Erlösers bezeugend, darunter, mit reichen Kleidern angetan, die drei Weisen. Dazu Joseph, sitzend, voll Staunens.
Das Christuskind liegt in der "Krippe", die hier ein Sarkophag ist. Sein Gesicht, bebartet, ist das eines Erwachsenen. Sein kleinkindgroßer Körper ist bandagiert - so, wie man jemanden zur Mumifizierung vorbereitet hat. Es ist aber nicht der tote Christus, sondern der lebende, der auferstandene Christus: Denn seine Augen sind geöffnet und voller Leben. Lächelt er nicht zu Ochs und Esel hinüber, die hinter dem Steinsarg stehen? In die Weihnachtsdarstellungen sind sie hineingekommen über die Klage des Propheten Jesaja (1, 3): "Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn; aber Israel kennt's nicht, und mein Volk versteht's nicht." Beide Tiere blicken mit unsäglich traurigem, empathischem und menschlich liebevollem Gesichtsausdruck zum Heiland. Es ist der Heiland; denn sein Haupt ist umstrahlt von einem Kreuznimbus mit der Inschrift: "O Ω ([H]O ōN = Der Seiende = Name für Gott [IHWH])". Über dem Haupt des Heilandes stehen die Worte "I∑ X∑" (Jesus Christus). Es ist Gott, der ganz Andere (O ΩN), der hier sichtbar wird: der Mensch Gewordene (Krippe), der Gekreuzigte (Kreuznimbus), der Gestorbene (Bandagen und Steinsarg), der Auferstandene (Lebendige, offene Augen). Weihnachten, Karfreitag (bzw. Karsamstag: Grablegung) und Ostern fallen hier wie in einem Brennpunkt zusammen. Besonders durch den so menschlich wirkenden Gesichtsausdruck der beiden Tiere beeindruckt dieses Bild als kleines Meisterwerk. Auch die theologische Aussage ist tiefgründig: In dieser Nacht wird Gott Mensch. Im Vorblick wird er im Schicksal dieses Menschen auf die tiefste menschliche Seinsstufe, den Tod, das Nichts, herabsinken - und zu neuem Leben erweckt werden, dem kein Tod mehr etwas anhaben kann. Überdies nimmt auch die Kreatur, die Tierwelt, an diesem göttlichen Heilswerk, sich einfühlend, Anteil und wird menschlich in dieser Nacht - ein Hinweis auch auf ihre Sehnsucht, erlöst zu werden (vgl. Röm 8, 19- 22). Das Ganze auf blauem Grund: Es ist Heilszeit, göttliche Zeit.
Die Liebe Gottes, die allen Geschöpfen gelten will und die in diesen unseren Zeiten so heftig von Gewalt und Hass bedrängt wird, spiegelt sich in den Augen dieser beiden Tiere.
Dass Gottes Liebe auch bei uns ankommt und uns anspricht, das wünschen wir uns allen.
Christi Geburt (Detail): Fresko aus dem Sumela-Kloster, Nordosttürkei, Zigana-Gebirge (Provinz Trabzon) - Aufnahme: Udo Hofmann - Text: Frohmut und Udo Hofmann
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