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Hans Georg Anniès 
4 Holztiefdrucke
 - eine Meditation

I. Was sehen wir?

Wir sehen Holzabdrucke.

o       Es sind nicht Abdrucke von einem ganzen Holz (Zweig oder Ast oder Stamm), sondern von einem scharf umrissenen, aus dem Baumstamm präzis herausgeschnittenen Stück.

o       Die Abdrucke lassen das Innere des Baumes sehen: Spuren seines Innenlebens, der Maserung, an der ein Stück der Geschichte des Wachsens des Baumes sichtbar wird. Es zeigt sich dabei ein innerer Rhythmus – ein Rhythmus wie Gestalt gewordenes Atmen.

o       Wir sehen ein Stück-Werk und ahnen das Ganze: die Seele des Baumes.

o       Mit dem einen intakt gebliebenen Stück Innenleben gestaltet der Künstler sein Bild.

o       Einerseits gibt es Spuren von Gewaltanwendung: das Herausgeschnitten-Sein aus dem Ganzen, der Aus-Schnitt.
Andererseits lässt das Bild auch Gewaltlosigkeit und Unversehrtheit sehen: Im Unterschied zum Holzschnitt wird hier nichts in das Holz hineingeschnitzt; das Stück sichtbarer Baumseele wird nicht angetastet und bleibt intakt: Gestalt gewordenes Leben.

Was wird gestaltet?

o      Auf den ersten beiden Bildern jeweils ein Kreuz. Aber es sind nur drei Kreuzarme.
Das Kreuz ist unvollständig, nicht fertig, nicht perfekt.
Es ist ein halbes Kreuz, ein offenes Kreuz.
Dadurch ist Offenheit, Verletzlichkeit, Preisgegeben-Sein angedeutet.

o       Durch die offene Flanke des Kreuzes werde ich eingeladen, (mit meinen Augen) in das Kreuz hineinzugehen. Unwillkürlich füge ich mit meinem inneren Sehen den vierten Kreuzarm hinzu. Doch der vierte Kreuzarm fehlt wirklich, die Flanke bleibt schmerzlich offen. Das Fehlen des Kreuzarmes bringt mich und meine Augen in eine Spannung, eine Bewegung: vom Wunsch nach Ergänzung, Vervollständigung, zurück zur Wahrnehmung des Defizitären.

o       Denke ich mir den vierten Kreuzarm hinzu, so kann ich das Bild auch als Symbol für die Welt deuten: In der abendländischen Ikonographie bedeutet das (quadratische oder rechteckige) Viereck mit seinen vier Seiten die ganze Welt: mit ihren vier Himmelsrichtungen, die mappa mundi (die Weltkarte, das Welt-Bild).

o       Ich werde eingeladen, Jesu Kreuz, die Kreuz-Struktur der (Welt-)Wirklichkeit, jedes Baumes, meines Körpers und meines Lebens durch dieses Bild hindurch anzusehen. 

  • So wie dieses Holz gekreuzigt ist, ist Jesus am Holz gekreuzigt worden.

  •  Jeder Baum hat die Gestalt eines doppelten Kreuzes: die Längsachse der Stamm, die obere Querachse in der Krone, die untere Querachse im Wurzelwerk.

  • Auch der menschliche Körper hat die Form eines – dreifachen – Kreuzes: die Längsachse ist die aufrechte Gestalt, die drei Querachsen sind durch die Augen, den Schultergürtel und im Beckenbereich wahrzunehmen.

  • Der äußeren Gestalt entspricht der innere Gehalt: Unser Leben hat eine Oberflächen- sowie eine Höhen- und Tiefendimension. Es ist gekennzeichnet durch das Sich-Empfangen und das Sich-Entäußern, das Nehmen und das Geben, durch Gerechtigkeit und Sünde, durch Gottesnähe und Gottesferne.

  • Die Welt-Wirklichkeit ist durch Polarität bestimmt: Licht und Dunkel, Sinn und Sinnlosigkeit, das Sein und das Nichts, Leben und Tod.

o       Wenn ich mit meinen Augen in das Kreuz hineingehe, komme ich in die Leere. Im Kreuz ist nichts. Ich gehe in die Mitte des Kreuzes und kann so mit der Leere eins werden. So fülle ich das Kreuz mit mir, indem ich nichts werde, ent-werde. Ich werde das Kreuz.

o       Der Künstler hat das Stück Holz vor dem Druck jeweils in verschiedener Weise mit schwarzer Farbe bestrichen. Die beiden Grautöne, mit denen der Künstler  verschieden angeordnete Kreissegmente abbildet, und die schwarzen Flächen sowie die weißen Felder in der Mitte machen die weiteren – sehr sparsam und streng eingesetzten – Gestaltungselemente aus. 

o       Der senkrechte schwarze Kreuzbalken hindert das Auge, das jeweils von links nach rechts wandert, weiterzuschweifen: Der Blick wird festgehalten. Die Betrachtungsbewegung wird unterbrochen. Der schwarze Balken deutet ein Ende an: den Tod. 

o       Durch die Ordnung der Kreissegmente wird es möglich, im Übergang vom ersten zum zweiten Bild eine Entwicklung, einen Weg oder einen Kampf anzudeuten.

o       Der Weg wird dadurch fortgesetzt, dass im Übergang vom dritten zum vierten Bild die drei offenen Flanken des Kreuzes zu einem geschlossenen Ganzen geworden sind. Ein gleichseitiges Dreieck, Sinnbild der Vollkommenheit, erhebt sich über der Basis des schwarzen (Todes-)Balkens. 

o       Durch die ähnliche Anordnung der Kreissegmente im dritten und vierten Bild wie in den beiden ersten Bildern ergibt sich auch hier noch eine Fortsetzung des Weges, eine Zweistufigkeit: Auch auf dieser höheren Ebene muss noch eine Entwicklung, ein Kampf, ein Werden stattfinden.

II. In welchen biblischen Bezügen stehen diese Bilder?

Gibt es ein biblisches Wort, in dem sich diese Bildfolge spiegelt und das diese Bilder weiter auslegen kann?

Zum Beispiel Galaterbrief Kap. 2 Vers 20:

„Ich bin mit Christus gekreuzigt. Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Chri­stus lebt in mir.“

Das ist eine Aussage, die nur im Heili­gen Geist gesagt werden kann. Was im Heiligen Geist gesagt wird, bleibt Ge­heimnis. Was da ausgesagt wird, - da wird nicht das Unaussprechliche aus­sprechlich gemacht, sondern es ist Aus­druck des Unaussprechlichen, ja nicht einmal das: Es ist das Unaus­sprechliche selbst. 

Ich kann das Geheimnis nicht auflösen. Ich kann die Unaussprechlichkeit des Unaussprechlichen nicht aufheben. Aber ich kann dem Geheimnis näher­kommen. Ich kann in das Geheimnis, in das Unaussprechliche eintauchen. Wenn ich das Geheimnis ganz anneh­men will, dann denke ich es nicht nur, ich fühle es nicht nur, ich gehe nicht nur mit ihm um: Ich werde es selbst! Ich selbst wer­de das Unaussprechliche! Dann aber gebe ich nicht nur etwas von mir auf, sondern ich gebe mich auf. Das Gleichnis vom Weizenkorn erfüllt sich: Solange das Korn bleibt, was es ist, kann es die Fruchtbarkeit, zu der es bestimmt ist, nicht erlangen.

„Wenn das Weizenkorn nicht in die Er­de fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ (Joh 12, 24). 

Auch Paulus spricht im Galaterbrief da­von, dass ich einen Tod erleide. Schon das Alte Testament weiß: Niemand kann Gott schauen und am Leben blei­ben (Ex 33,20). Wenn ich selbst das Unaus­sprechliche werde, lasse ich mich hinter meinen Tod stellen. Das kann ich nur, wenn ich jetzt schon, vor meinem Tod, meinen Tod erleide, ihn sterbe, ihn durchlebe.

Wenn ich zu dem äußerst Positiven ge­langen möchte - und ich denke, das ist unser aller Sehnsucht - kann ich es in äußerster Negation  erleben: Ich muss mich selbst an das Unaussprechliche ganz ver­gessen. Ich muss in das Geheimnis ganz versinken. „Ich in dir, du in mir: Lass mich ganz ver­schwinden, dich nur sehn und finden.“ (Gerhard Tersteegen). Solange ich noch weiß, dass ich mit dem Unaussprechlichen übe, bin ich es noch nicht ganz. Wer nur halb stirbt, wird auch nur halb auf-erstehen. Nur wer ganz stirbt, wird auch ganz neu und wird ganz auferstehen in seinem wahren Selbst.

Diese Hingabe ist uns in dieser Totali­tät nur möglich, wenn mit der Übung auch unser Vertrauen wächst, dass das Erhoffte, das Ersehnte schon da ist. Und darauf dürfen wir vertrauen: Gott ist schon gegenwärtig im Grunde unse­res Wesens. Er ist auch der Grund des unendlichen Erbarmens. 

III. Wie legen sich das Wort aus dem Galaterbrief und die Bilder von Hans Georg Anniès gegenseitig aus?

Die Bilderfolge von Hans Georg Anniès will uns eine Hilfe sein, zu dieser Hingabe zu finden.

In der Betrachtung dieser Bilder kann einerseits der Weg des Menschen in der Nachfolge Christi meditativ nachvollzogen werden. Andererseits wird der Weg des Kreuzes, der Weg der Erlösung durch Jesus Christus als Geheimnis Gottes in der Welt und in uns gezeichnet.

In seiner Bildsprache drückt der Künst­ler unser Su­chen nach dem Geheimnis des Le­bens, nach der Stille hinter der Stille, aus. In der Dimension der Kunst erscheint das Unaussprechliche als das Un­abbildliche. Das Dargestellte ist in äußerster Konzentra­tion auf die hinter dem Bild aufscheinende Bildlosigkeit des Geheimnisses bezogen.

Bild 1 zeigt unsere Welt - und unser Leben, unser Inneres - im Status des Ungeordnet-Seins. Ein Chaos, ein Durcheinander. Die Teile, die Bereiche sind mit sich selbst uneins. Sie stimmen nicht zueinander. Es ist ein Zustand der Heillosigkeit. Und doch ist die heilsa­me Struktur schon unter­schwellig da: das Kreuz, zur Flanke hin offen, und das heißt: zu der Seite hin, von der das Neue kommt, ungeschützt. Auch ver­letzlich. Die Grundstruktur des Le­bens: das Kreuz - das Sein in sei­ner Verletz­lichkeit, in seiner Hinfälligkeit und Endlichkeit, das Sein, das der Lie­be und Hingabe zu seiner Erlösung be­darf. Zu der Seite hin, in die hinein al­les geht und auf die alles zuläuft: eine schwarze Wand, der Tod. In der Mitte das Unaussprechliche, das Geheimnis, das Nichts: Gott! Es ist verdunkelt, weil es an seinen Rändern keine Ord­nung bewirken kann. 

Bild 2: Die Liebe, die Hingabe, der Gottessohn kommt in die Welt - oder in mein Leben, in mein Inneres! - und nimmt seinen Platz in der bisher ver­borgenen Grundstruktur des Lebens ein. Die Be­dürftigkeit des Seins wird gefüllt mit Gnade. Das Leben lässt sich ordnen in der Struktur des Kreu­zes, die unaussprechliche Mitte leuchtet auf und lässt ihre heilende Kraft aus sich heraus und in das Leben hineinströmen. Das Chaos, die Heillosigkeit, ist zur - noch offenen und verletzlichen - Heils-ordnung geworden, die ein Ganzes ahnen lässt. Der Tod bleibt das Ende des Lebens. Die Liebe heilt auch den Tod und bezieht ihn in ihre erlösende Ordnung und Harmonie ein.

Bild 3: Das In-Sein in der Trinität.  Die drei offenen Flanken des Kreuzes sind zu einem geschlos­senen vollkommenen Ganzen geworden. Aber durch die Hin­gabe des Gottessohnes ist das Chaos, die Heillosigkeit auf die Trinität über­gegangen. Der schwarze Tod ist als Ba­sis in die Trinität eingegangen. Gottes Ewigkeit und Ganzheit umfasst hinfort das Chaos, die heillose Unord­nung und den Tod.

Bild 4: Das Erlöst-Sein durch und in der Trinität und im In-Sein in Gott. Das Geheimnis leuchtet in der Mitte. Es er­hebt sich über der Basis, über dem Ab­grund des Todes, der zum Grund ge­worden ist. Aus dem Tod ist es aufge­stiegen und verwirklicht nun die unge­trübte, aus den Seiten des Kreu­zes ge­baute und auf dem Tod ruhende Ganz­heit. Die Harmonie ist geschlossen. Die Verletzlichkeit ist überwunden. 

Versuchen wir in der Meditation, das Bild des In-Seins, wie Hans Georg Anniès es erahnt hat, in unser Inneres hin­einzunehmen. 

Oder wir können üben, uns an das Wort und in das Wort hinein „Nun lebe nicht mehr ich, Christus lebt in mir“ zu vergessen. 

Wenn Sie gewohnt sind, mit einem an­deren Wort zu üben, so können Sie auch so weiterüben, dass Sie sich an dieses Wort und in dieses Wort hinein zu vergessen suchen.

Bild 1

Bild 2

Bild 3

Bild 4

 

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