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Besinnung zur Geburt Christi

Diese Weihnachtsbesinnung geht aus von dem Bild „Christi Geburt“ aus dem in den Jahren 1944 bis 1948 entstandenen zehnteiligen Zyklus „Christ ist geboren“ des Schweizer Malers Willy Fries (1907-1980), dessen hundertsten Geburtstages in diesem Jahr gedacht wurde.

I

Der Maler hat diese Szene in eine ausgebombte gotische Kirche verlegt. Es scheint eine norddeutsche Kirche aus der Backsteingotik zu sein. Nur ein Teil des Chorgewölbes steht noch, vom Langhaus ist rechts ein Teil der Seitenmauer sichtbar und links das Seitengewölbe der hoch aufragenden Vierung. Das Dach des Langhauses ist völlig zerstört. Im Vordergrund springen zwei abgebrochene, von schmutzig weißem Schnee bedeckte Säulenstümpfe in die Augen und verstärken jämmerlich das Bild der Verwüstung. In der Mitte ist der Fußboden aufgerissen: Von einer Seite zur anderen klafft eine schmale Spalte. Der gesamte Fußboden ist von heruntergefallenen Ziegelsteinen übersät. Man möchte meinen, dass es lebensgefährlich ist, sich in diesem Gebäude aufzuhalten, weil man jederzeit von herabfallenden Steinen erschlagen werden kann.

Dieses verwüstete Gebäude – es steht für eine verwüstete Welt, ob durch Krieg oder Naturzerstörung und Ausbeutung. Kann es nicht auch ein Bild sein dafür, wie es in manchen Herzen aussieht? Was ist in manchem Leben nicht alles gescheitert? Wie viel Wunden sind solchen Herzen geschlagen worden? Wie viele Risse haben sie im Laufe des Lebens bekommen? Wie viele Brüche haben sie durchstehen müssen? Was bedeutet es für ein Leben, wenn Säulen nicht mehr tragen?

Gerade in eine solche Welt hinein, und auch in solchen Herzen will der Christus heute neu geboren werden. Hier will er wohnen. Hier will er von den himmlischen Heerscharen besucht werden. Gerade hier soll anlässlich seiner Geburt der Lobgesang auf die überschwängliche Barmherzigkeit Gottes angestimmt werden.

Das zerstörte, verfallende Kirchengebäude – ist das nicht auch ein Bild dafür, dass seit der Zeit, in der das Bild gemalt worden ist, und bis heute die Kirche selbst, ihre Glaubwürdigkeit, ihre Verankerung in der Bevölkerung „in Trümmern liegt“? Dass ihre Traditionen abgebröckelt sind? Dass sie den Menschen kein schützendes Dach mehr bieten kann? Dass sie keine tragenden Säulen mehr hat? Dass ihr Fundament brüchig geworden ist? Das die sie tragende westlich-abendländische Kultur im Abbrechen begriffen ist?

 

In dieser zertrümmerten Kirche ereignet sich das Wunder der Menschwerdung Gottes! In dieser zerrütteten Gestalt der Kirche geschieht Christgeburt. Der Stall von Bethlehem, in dem der Christus zur Welt kommt, ist jeweils die sichtbare Kirche der Zeit in ihrer oft nicht sehr ansehnlichen, manchmal sogar erbärmlichen Gestalt: schuldbeladen, von menschlichen Fehlern behaftet, von gesellschaftlichen Entwicklungen ramponiert, von ihren Gegnern beschädigt, von ihren eigenen Vertretern durch Fehlverhalten kompromittiert, unglaubwürdig geworden und zu sehr in fatale Entwicklungen verstrickt. In dieser Kirche will auch heute noch der Heiland der Welt zur Welt kommen! In dieser bis zur Unkenntlichkeit entstellten Kirche versammeln sich die sichtbaren Hirten und die unsichtbaren Boten der himmlischen Welt und stimmen gemeinsam das Loblied auf das sich neu ereignende Gottesgeheimnis der Geburt des Erlösers an, der die Welt rettet: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden, den Menschen seines Wohlgefallens.“

In dieser armseligen Kirche erklingt der gewaltige Lobgesang – vom Maler dargestellt durch eine grandiose Farbsymphonie und einen erregenden Rhythmus der Linien, der aus dem Schwirren der Flügel der Engel und dem Wallen der Gewandfalten entspringt. Die wehenden Gewänder der oben schwebenden Engel lassen an wirbelnde Melodienfolgen denken, während durch die ruhig fließend fallenden Gewandfalten der auf dem Fußboden knienden und stehenden Engel und Hirten getragene Töne signalisiert werden. Ergriffen schaut Maria zu den Engeln empor und hält das gewickelte Jesuskind hoch, damit alle es sehen können. Josef, links neben Maria stehend, im braunen Mantel; sein Gesicht ist durch die Kapuze verdeckt, hat gerade ein paar Holzbalken an den Säulen und Pfeilern des Chores befestigt, auf die er drei Bretter gelegt hat, die Maria und das Kind vor den herunterfallenden Steinen bewahren sollen: ein schützendes Dach für das Kind und seine Mutter. Schon sind einige Ziegel und Natursteine auf die Bretter gefallen. Stammen die Bretter aus den Lücken im Fußboden? Die Figuren bilden mehrere Kreise, und man hat das Gefühl, die Kreise drehen sich. Sie scheinen sich zu drehen um den ruhigen Pol in der Mitte: die Mutter mit dem Kind und – Ochs und Esel, die mit sich und der Welt eins sind und wohlgefällig in die Szene schauen: der Ochs vor der Mutter gelagert und der Esel durch das glaslose Chorfenster schauend.

Es fällt auf, dass die Engel die Augen geschlossen haben. Nur die zugewandten, wach geöffneten Augen und klaren, achtsamen Blicke des Jesuskindes, der Mutter Maria und der beiden Tiere sind im Bild sichtbar und beziehen die Betrachtenden in das Bild ein.

Im Raum sind zwölf Hirten versammelt – Hinweis auf die späteren zwölf Jünger und Apostel?

II

Der Maler hat auf dem Bild aus dem lukanischen Weihnachtsbericht zwei Momente zusammen komponiert:

- den Lobgesang der Engel auf dem Hirtenfeld in Bethlehem („Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“),

- und den Besuch der Hirten bei dem Kind und seinen Eltern an der Geburtsstätte.

Trotz aller Zerstörungen, trotz Krieg und Gewalt hat sich hier die Furcht der Menschen vollständig gelöst. Sie können jetzt getrost und gestärkt wieder in ihren Alltag zurückkehren und das Nötige tun: Aufräumen und aufbauen, verbinden, was verletzt ist, und aufrichten, was verzagt ist.

Denn Gottesbegegnungen – und hier handelt es sich ja um eine Gottesbegegnung – befreien nicht vom bisherigen Leben, wohl aber zum bisherigen Leben. Denn wenn es um Gott geht und um das Geheimnis seiner Geburt in uns, dann geht es um Freiheit, um aufrechten Gang, um die Würde des Menschen und um das Selbstbewusstsein der Seele. Wenn es um Gott geht, dann werden wir aufgerichtet, nicht klein gemacht, nicht schwermütig, depressiv und schuldbewusst heruntergeredet.

Den Hirten wird das Wort „Fürchtet euch nicht!“ geschenkt. Ein Wort der Aufrichtung. Es setzt in Bewegung. Die Hirten kehren um. Sie ziehen sich nicht zurück in einen Winkel. Wer im Herzen getroffen ist von diesem Wort „Fürchte dich nicht!“, der ist nicht auf dem Rückzug, der drängt zum Aufbruch. Die Hirten kehren zurück an ihre Arbeitsplätze. Äußerlich hat sich für sie nichts verändert. Alles ist wie vorher und wie vorgestern. Sie gehen auf den alten Straßen, in ihrer alten Kleidung (an der Krippe haben sie eine andere Kleidung als auf dem vorigen Bild des Zyklus, das die Verkündigung des Engels auf dem Feld zeigt; hatten sie vorher dunkelweiße Gewänder, so sind sie jetzt farbig wie die der Engel – zum Zeichen, dass sie innerlich neue Menschen geworden sind durch das Wort „Fürchte dich nicht!“), in ihren alten Schuhen. Ihr Ansehen steigt nicht. Es ist alles wie eh und je. Wenn da nicht das geschenkte Wort „Fürchte dich nicht!“ wäre, das Herz und Füße, Gefühl und Hände durchströmt. Und sie spüren bei jedem Schritt: Es ist alles anders.

Ich stelle mir vor: Sie gehen und singen das neue Lied „Fürchtet euch nicht!“ Sie singen es gegen die Resignation im Alltag, gegen alle Routine, gegen die inneren Ängste, gegen äußere Bedrohungen, gegen alles Menschenverachtende in unserer Welt, gegen alles, was der Hoffnung entgegensteht, gegen Hass und Gewaltverehrung. „Und sie lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten.“

„Fürchtet euch nicht!“ Dieses kleine, weihnachtlich göttliche Wort will wachsen und groß werden. In uns und durch uns und unser Tun. Es ist ein wagemutiges Wort, verletzbar und zart. Klein und leicht zu überhören. Es ist gesagt gegen das Nein der Welt. Es erwächst aus dem großen Ja Gottes zu seiner Welt und zu seinen Menschen.

Solche Befreiung und den durch das Wort „Fürchtet euch nicht!“ ermöglichten Aufbruch in die Hoffnung wünschen wir allen, die diesen Text lesen!

Bild: Willy Fries, Christi Geburt, aus dem Zyklus „Christ ist geboren“. Ölfarben, auf Holz, 50 x 60 cm, im Spital in Wattwil / Schweiz

 

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