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Die Gotteserfahrung des „ungläubigen“ Thomas

Johannes-Evangelium, Kap. 20, 24-29

Thomas aber, der Zwilling genannt wird, einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. Da sagten die andern Jünger zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er aber sprach zu ihnen: Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und meinen Finger in die Nägelmale lege und meine Hand in seine Seite lege, kann ich's nicht glauben.

Und nach acht Tagen waren seine Jünger abermals drinnen versammelt und Thomas war bei ihnen. Kommt Jesus, als die Türen verschlossen waren, und tritt mitten unter sie und spricht: Friede sei mit euch!  Danach spricht er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!  Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Herr und mein Gott! Spricht Jesus zu ihm: Weil du mich gesehen hast, Thomas, darum glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben! 

I

In der griechisch-orthodoxen Gemeinde in Venedig sah ich eine Ikone, von ei­nem 96-jährigen Mönch aus Kreta ge­malt; tief be­eindruckt hat mich, wie der Maler die Kämpfe, Niederlagen und Siege, die Risse und Brüche, die Ver­wundungen und Ver­narbungen, die Weisheit und die Ergebung seines gan­zen Lebens in dieses Bild hinein­gelegt hat.

Jesus nimmt die Hand des Thomas und führt sie in seine Seitenwunde ein, so dass sie ganz darin verschwindet. Tho­mas ist überwältigt. Was er mit seiner Hand fühlt, gibt sein tief bewegter Ge­sichtsausdruck wieder. Diese Bewegung setzt sich in den Minen der umstehenden Jünger fort. Es ist wie bei einem Stein, der ins Wasser gewor­fen wird: Von ihm geht eine Bewegung aus, die immer weitere Kreise zieht und sich bis in die Randzonen fortsetzt. In der Mitte die Seitenwunde Jesu, von der die Bewegung des Angerührtseins die Hand des Thomas erfasst und sich seiner ganzen Person be­mächtigt, was man an seinem Antlitz able­sen kann; von ihm aus springt der Funke auf die ande­ren Anwesenden über.

II

Was ist es, das von der Mitte, von Jesus ausgeht und sich über das ganze Bild fort­pflanzt bis in die Randzonen hinein? Was nimmt Thomas mit seiner Hand in der Wunde Jesu wahr?

Er nimmt wahr, und d.h. er lässt wahr sein alles das, was das Geschehen der Kreuzi­gung in Jesu Leib hinterlassen hat, die Spu­ren dessen, was Jesus durchlitten hat: das Wund-Sein; das Verletzt-Sein; die Schmer­zen. Indem Thomas die leib­lichen Spuren des Leidens und Sterbens Jesu in sein Ge­spür nimmt, lässt er wahr sein die Hingabe, mit der der Gott ent­sprechende Mensch die Liebe Gottes bis zum Äußersten, bis zum Tod durch­gehalten hat. Mit allen Sinnen nimmt er das Verwun­det-Sein des Gottes­sohnes in sich auf. Und kommt so mit der bluti­gen Realität des Kreuzesgesche­hens buchstäblich in Hautkontakt. Mit seiner ta­stenden Hand „trinkt“ er - die Sprache ver­sagt hier, um adäquat auszudrücken, was hier wirklich geschieht - „trinkt“ er gleich­sam oder kostet aus die Liebe Gottes, die sich von der Welt, wie sie wirklich ist, kreuzigen lässt. Er tut dies am Leib des Auferstandenen; er nimmt mit allen Sinnen wahr und lässt wahr sein die große Wende, die in dieser Wunde erspürt werden kann: die Überwindung des Hasses durch Liebe, der Umschlag des Todes ins Leben, die Verwandlung der Sinnlosigkeit des Daseins in die Erfahrung, dass nichts verloren ist.

III

So vergewissert sich Thomas, dass die Lichterscheinung Jesu nicht irgendein Phantom ist, sondern leibhaftig der, der den Kar­freitag durchlitten hat. Der Auferstande­ne ist der, der wirklich tot war und nun von den Toten auferstanden ist. Thomas verge­wissert sich, dass die Realität - die am Kar­freitag brutal zugeschlagen hat und die im­mer wieder, bis heute, sich in ihrer Brutalität zeigt - dass diese Realität nicht einfach illusionär überflogen wird. Es ist die Wirk­lichkeit des über­wundenen Todes, der ge­heilten Wun­den, des getrösteten Leids, der durch­lichteten Nacht, des überstandenen Schrec­kens, die Thomas hier mit allen Sin­nen erfährt. Diese Erfahrung erfasst ihn ganz und lässt ihn dank­bar und froh be-kennen: „Mein Herr und mein Gott!“ Thomas ist nun ganz eins mit seinem Herrn und von ihm erfüllt, so wie Christus eins mit dem Va­ter ist. Denn eines ist ihm aufgegan­gen: Sein Herr, sein Gott ist nicht ein Gott, der fern von allem Menschlichen, und daher wirklichkeitsfern, irgendwo über den Wol­ken thront, sondern der die Menschen wirklich liebt, weil er weiß, was ihnen weh tut, und der auch das Leid der Menschen an sich herankommen lässt und teilt.

IV

Der Maler der Ikone hat durch den Akt des Malens sein Leben mit der Geschichte der Begegnung des Thomas mit der Wunde Je­su ganz sinnenhaft verbunden. So wie Tho­mas mit seiner Hand ganz in die Wunde Je­su „hineintaucht“, so dass seine tastende und fühlende Hand von der Wunde Jesu ganz umfangen ist, so ist der Maler in diese Geschichte ganz „eingetaucht“. Lasst uns in der Stille unserer Sehn­sucht nachspüren, mit der auch wir ersehnen, ihn, den Gottes­sohn, seine Wunden und seine Liebe zu uns, die ihm die Wunden schlug, und die Verwandlung seines Leidens- und Todes­wegs in den Weg des Lebens leibhaf­tig zu erfah­ren, damit auch wir, überwältigt und froh, dankbar und erfüllt bekennen können: „Mein Herr und mein Gott!“

Thomas berührt die Wundmale Jesu, 1601/02 Caravaggio zugeschrieben

 

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