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Hans Georg Anniès, Holzskulptur (Zeichen 9, 1990/1991)

 

I. Der Künstler hat die Form nicht in das Holz hineingeschnitten, sondern der inneren Struktur dieses Baumes abgespürt. Die „Seele des Baumes“, das Innerste und die Mit­te eines Lebewesens will er so zum Vor­schein kommen lassen[1]. Im stillen Anschauen und Nachspüren des Gebildes kann sich eine tiefe Be­gegnung mit diesem Lebewesen, dem Baum, ereignen; zugleich werden wir mit unserer eigenen Mitte, mit unserem tie­fen Inneren, in Berührung kommen.

II. Es zeigt sich die Form eines Kreuzes. Eine Urform im Bauplan lebendiger Wesen. So­wohl in der Gestalt des Baumes als auch des Menschen ist diese Urform - sogar mehr­fach - verborgen da; und so erinnert auch die Plastik selbst an einen stilisierten Men­schen. 

Von welcher Seite wir das Gebilde auch anschauen: immer wird die Form des Kreuzes sichtbar bleiben. Seine Gestalt wird aber von verschiedenen Seiten aus jeweils anders aussehen. Von wo aus ich diese Gestalt am liebsten betrachte, sagt sie sicherlich etwas über mein Kreuz aus.

III. Der Stamm des Kreuzes ist unten, an seiner Standfläche, vierseitig ausgebildet (nicht „viereckig“, da es weniger auf die - abgerundeten - Ecken als auf die Seiten an­kommt). Die vier Seiten drücken die Erdverbundenheit aus. Weiter nach oben geht die vierseitige Form in eine breite, horizontal ausgerichtete Runde über, die eine Ausstrec­kung in die Weite signalisiert. Die Kraft in die Weite bündelt sich nach oben in die aufstrebende runde Gestalt eines Stabes, die der ganzen Plastik eine Ausrichtung nach oben gibt. Das Rund weist auf Vollkommenheit und ungeteilte Ganzheit hin. So strebt die Figur vom Irdischen, vom Ge­bundensein an die Erde, zum Vollkommenen hin.

Auf dem Kreuz werden Linien sichtbar, die von unten vom Stamm aufsteigen, an der breiten Runde in aufwärts strebende Spiralen übergehen und bis zur obersten schrägen Plattform der Figur sich fortsetzen. Sie bringen alle horizontalen Ausstreckungen, be­sonders den Kreuzarm, aber auch die obere Plattform, die zum Kreuzarm in einer ge­genläufigen Richtung gelagert ist, in eine von unten nach oben aufsteigende Dynamik. Nichts an der Plastik stagniert; alles an ihr ist nach oben gerich­tet, nach oben strebend; die Bewegung nach oben ist nirgendwo unterbrochen.

IV. Die aufsteigenden spiralförmigen Linien weisen nicht nur in die Höhe, sondern führen auch ins In­nere der Figur und wieder nach außen. Sie lassen bei der Betrachtung eine Ahnung davon aufkommen, dass Inneres und Äußeres kein Gegensatz ist, sondern nur zwei Sei­ten derselben ungeteilten Wirklichkeit. An der Stelle, wo die große Spirale in die kleine übergeht, am Übergang von außen nach innen, wird allerdings ein harter Schnitt sichtbar, der bei der Betrach­tung Schmerz hervorrufen mag. Dabei wird zu spüren sein: Offenheit und der Zugang zum eigenen Innern sind nicht ohne zielstrebi­ges, zuchtvolles Beteiligtsein zu haben.  

Die Linien, die ins Innere der Figur führen, erschließen uns die teilweise Sicht auf einen geheimnis­vollen, ebenfalls nach oben strebenden leeren Raum, der sich über den oberen Teil der Plastik auf seine ganze Länge hin erstreckt und seine ganze Mitte aus­füllt. Diese Leere, die Sehnsucht und Of­fenheit symbolisiert, macht - zusammen mit dem aufstrebenden Gepräge der Figur - deutlich, dass sie völlig bestimmt ist von der Sehnsucht nach einer Ganzheit, die sie noch nicht hat, von der Of­fenheit für das Voll­kommene, von der Erwartung dessen, was ihre Kreuzform zur Erfüllung bringt.

V, Der ganzen Figur wohnt Festigkeit und Bodenständigkeit inne, zugleich, durch die aufsteigende Ausrichtung, eine Leichtigkeit, eine ruhig fließende Dynamik, die durch die Maserung noch ver­stärkt wird. Die Maserung zeigt die Geschichte, das Geworden-Sein der Gestalt an. Narben und An­sätze für Neuentwicklungen werden sichtbar. An manchen Stellen zeigen die Linien der Maserung eine Geschlossenheit, die an die Form des Samenkorns denken lässt - das Samenkorn, Hoffnung gebendes Symbol für die Schöpferkraft Gottes, für Fruchtbarkeit und Neu-Werden.  

Im unteren Teil der Plastik wirkt die Maserung noch gröber und verschiedenartiger; im Mittelteil nimmt sie einheitlichere Strukturen an, während sie im oberen Teil zu­rücktritt und schwingende, schwebende Formen zeigt: Anzeichen einer fortwährenden Reifung und Läuterung.

Hans Georg Anniès' Holzplastik: Gestalt gewordenes Ringen mit dem unsichtbaren Bild Gottes, das  jedem Lebewesen innewohnt, sichtbarer, fühlbarer und zu ertasten­der Ausdruck der Sehnsucht des Geschöpfes nach seinem Schöpfer!
 

[1]Heiner Protzmann, Form aus der Logik der Natur. In: Hans Georg Anniès, Zeichen. Holztiefdrucke und Skulpturen (Ausstellungskatalog), 1995, 15.

 

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