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Roland Peter Litzenburger, Verkündigung, 1957, Bildmeditation

Die obere Hälfte des Bildes wird vom Engel erfüllt. Hell leuchtet sein Körper und seine beiden weit ausgebreiteten Flügel. Segnend hat er die Arme erhoben, seine Finger züngeln wie Flammen; von ihnen gehen dynamische Linien aus, die das Bild bis in die untere Hälfte durchziehen. Dort kniet Maria in anbetender Gebärde, zum Engel sehnsuchtsvoll aufblickend und dessen gleißenden Glanz mit allen Kräften ihres Seins aufsaugend. Weit hat sie ihren über­proportional langen rechten Arm ausgespannt, um möglichst viel von der göttlichen Lichtkraft zu erheischen. Auch die Finger ihres rechten Armes sind wie emporzüngelnde Flammen. Ihre linke Hand hält sie schützend über ihrem Gesicht, um die gleißende Blendung, die von dem Engel ausgeht, von ihrem Angesicht und ihren Augen abzuschirmen. Trotzdem wirkt die Haltung der linken Hand nicht abweisend, da die überlang ausgespannte Rechte überaus viel Offenheit für die strahlend-göttliche Wirklichkeit des Engels signalisiert, sodass Marias Arme ganz empfangsbereit bleiben und der überirdische Glanz, der vom Engel ausgeht, von Maria voll aufgenommen wird. Beide Arme und Hände wirken wie eine geräumige Hafenmole, die aufnahmebereit ist für die göttliche Gnade, die einströmen will. Die lodernden Finger und Hände Mariens und des Engels entsprechen einander in Segnung und Annahme und scheinen in der Intensität eines geistlichen Liebesaktes zu flimmern. Der nach oben gebogene Hals, der steil aufgerichtete Oberkörper Marias sowie ihr „heilig nüchterner“ Aufblick zum Engel zeigen sie in höchst wacher und gespannter Präsenz – ein Eindruck, der noch verstärkt wird durch ihre fest auf den Boden auftretenden Zehensohlen, ebenso auch durch die Umgrenzungen ihres beinbedeckenden Gewandes, die in Gegenbewegung zum Tritt der Füße eine dynamisch gebogene Basis bilden, und durch die schwarzkräftig horizontal, schräg und vertikal umreißenden Konturen ihres Gewandes. 

Das Bild zeigt, deutet und kommentiert aus der lukanischen Verkündigungsge­schichte den Augenblick, nachdem der Engel Gabriel der jungen Frau aus Nazareth die Botschaft gebracht hat, dass sie schwanger werde und den Gottessohn gebären werde, und in dem nun Maria glaubend einstimmt in das, was mit ihr geschehen soll: „Mir geschehe, wie du gesagt hast.“ Diesen Moment haben die Maler stets als mystischen Liebesakt des Heiligen Geistes dar­gestellt: die „Kraft des Höchsten“ „überschattete“ (vgl. Luk 1, 35) die junge Frau. Gott (der Engel steht für die göttliche Wirklichkeit) und Mensch werden hier zu einer vielfältig bewegten Einheit zusammengeschlossen, „ungetrennt und unvermischt“, wie die beiden Naturen Christi im christologischen Dogma. „Ungetrennt“: dadurch, dass beide Wesen – das hell leuchtende göttliche oben, das dunklere menschliche, vom göttlichen angestrahlt und erhellt, im unteren Teil – von einem schwirrend bewegten Liniengefüge erfasst sind, das sie wie Neutronenbahnen zu einer sich dynamisch vollziehenden, sich hin und her bewegenden differenzierten Einheit zusammenführt. „Unvermischt“: durch die Helle des Engels oben, die auf die kniende Gestalt Marias herabscheint, und die dunkleren (schwarzen und grauen) Streifen auf Marias Gewand, in ihrem Gesicht und ihrem Haar, die vom Licht des Engels immer lichter werden. Ein kraftgespanntes, in sich ausgewogen bewegtes, auf und ab wogendes Beziehungsgeschehen zwischen dem göttlichen und dem menschlichen Wesen. Die oszillierenden Linien machen das Auf und Ab der hin und her schwingenden  Glaubensbewegungen zwischen Gott und Mensch sichtbar. 

Wer das Bild betrachtet, ist mit ernsthafter Verbindlichkeit in das Beziehungsgeschehen einbezogen und zur Teilhabe eingeladen, indem er bzw. sie von dem Engel mit großen Augen eindringlich angeschaut wird.

Nun nimmt die kniende Gestalt Marias nur die eine Seite der unteren Hälfte des Bildes ein. Unter ihrem überlangen rechten Arm sich bergend, sich mit dem Hinterleib an ihre Knie und ihr Gewand schmiegend, erscheint neben ihr ein still und gefasst hin­gekauerter Widder, dessen Hörner durch ein Gewirr von Linien hindurchscheinen, als hätten sie sich darin verheddert. Mit treuem, ernstem, zugewandtem Blick schaut auch er – wie der Engel – den Betrachter an. Man fragt sich, was dieses Tier mit seinem menschlich einfühlsamen Blick in einem Bild der Verkündigung bedeuten soll.

Maria ist zwar durch ihre Haartracht und durch ihr Gewand als Frau kenntlich; doch ihr Antlitz trägt merkwürdig männliche Züge.

Die männlichen Züge im Gesicht der Maria (der Wechsel zum anderen Geschlecht ist bei Litzenburger ja nichts Ungewöhnliches, wie das Beispiel des Bildes „Emmausgang“ von 1978 zeigt) und besonders das Widdermotiv lassen den Gedanken aufkommen, dass Elemente einer anderen Szene sich in das Bild der Verkündigung hineinschieben: von der Opferung Isaaks der Moment, als Abraham vom Engel des Herrn vom Himmel her angerufen wird, seinem Sohne nichts zuleide zu tun; gleichzeitig sieht Abraham den Widder in der Hecke hängen, den er statt seines Sohnes nun opfern kann. Es ist also an den Augenblick erinnert, in dem Abraham, der die Prüfung seines Glaubensgehorsams und bedingungslosen Gottvertrauens bestanden hat, vor dem Engel des Herrn auf die Knie fällt und in heißer Anbetung von ihm seinen Sohn wieder geschenkt bekommt und das Opfertier erhält. Maria, die Mutter des Glaubens („Mir geschehe, wie du gesagt hast“), hat etwas von Abraham, dem Vater des Glaubens! Dann hätte Litzenburger eine der hellsten, strahlendsten Geschichten der Bibel mit einer der dunkelsten und unergründlichsten verbunden. Doch beides sind Geschichten der Hoffnung und Zeugnisse der Fülle der göttlichen Gnade: Hier das hohe, helle, überirdisch lichte Erleben, wie ein Mensch (Maria) auf unergründliche Weise die Einheit der göttlichen und der irdischen Welt in sich erlebt und so zum Instrument göttlichen Handelns wird – eines schöpferischen Geschehens, durch das ein Ereignis neu geschaffen‚ ‚neu geboren‘ wird, das die Weltgeschichte auf einen neuen Weg bringt, auf dem das Ewige im Jetzt heilsam erfahren wird. Dort aber, wo die Eindeutigkeit  dieses Weges noch nicht stabilisiert war, die abgründige, spannungsvolle Urerfahrung des Glaubens, in der ein Mensch (Abraham) erlebt, wie die dunkle, irrationale, abgründige Seite Gottes in sein helles, unbegreiflich gnädiges, bedingungs- und grenzenlos liebendes Wesen hinein vermittelt wird (Schelling), wobei Abraham um des Durchhaltens der Hingabe an die Unendlichkeit willen „in Furcht und Zittern“ die Unendlichkeit des Schmerzes durchleidet, dann aber in unbeirrbarem „Glauben für dieses Leben“ sich der Endlichkeit und Vergänglichkeit dieses Lebens neu zuwendet, sich leidend ganz darauf einlässt und so das Liebste, das aufzugeben von ihm gefordert war, in verwandelter Weise wiedergeschenkt bekommt (Kierkegaard).

Im Bild des Widders aus der Geschichte der Opferung Isaaks (die ja kein Sühnopfer ist) ist der vorausgedeutet, den Maria als Sohn Gottes gebären wird. Im Wesen und Wirken dieses Menschen verdichtet sich der Sinn jedes Opfers, das Menschen in dieser Welt darbringen können. Das Opfer gehört unweigerlich zum menschlichen Leben; jeder Mensch wird einmal oder mehrmals in seinem Leben diese Erfahrung machen. Ein Opfer bringt der Mensch, der – wenn auch unter Schmerzen – darin zustimmt, dass ihm die Hingabe des Liebsten, was er hat, abverlangt wird. Das kann nur um des höchsten Gutes willen ertragen werden und ermöglicht sein, der Liebe, die über alles Irdische hinausgeht. Durch den Opfergang dieses Menschen, dessen Geburt hier angesagt wird, ist – weiter ausgreifend und tiefer berührend als es die Vorstellung vom Sühnopfer vermag – jeder menschliche Opfergang, sofern er ein echtes Opfer ist, von Gottes Liebe durchwirkt, mit der göttlichen Welt verbunden, durch göttliche Gnade wunderbar geschenkt, ermöglicht und vollendet, und dient der Verwandlung des menschlichen Lebens und der Welt auf mehr Gotteswirklichkeit hin – bis hin zur Überwindung des Todes und seiner Verwandlung in Leben im Ostergeschehen.

So reißt dieses Bild von Roland Peter Litzenburger tief berührende Fragen der menschlichen Existenz und der Beziehung zwischen Gott und Mensch auf. Es macht die – tiefstes Leid und höchste Seligkeit umfassende – Feier des dramatischen Einbruchs der Liebe Gottes in diese Welt sichtbar, die durch die Hingabe und Opferbereitschaft des Einen die Menschen auf mehr Opferbereitschaft hin verwandelt und so einen Samen in diese Welt setzt, der ihr Antlitz schließlich erneuern wird.

In denen, die dieses Bild betrachten, möge der Wunsch aufkommen, dass das Wunder der Liebe und der Hoffnung, auch wenn sie noch nichts sieht, in ihrem Leben wachse

Roland Peter Litzenburger, Verkündigung, 1957, Detail (sehen sie das ganze Bild in der PDF-Datei an. 

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