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Ein Bild von der Ankündigung der Geburt des Gottessohnes durch den Engel Gabriel an Maria  aus dem 20. Jahrhundert

Wie viele Frauen, Mädchen und Kinder sind in diesem Jahrhundert mit seinen zahllosen Kriegen, Tyranneien und Willkürherrschaften misshandelt, vergewaltigt, ihrer Menschenwürde beraubt worden!

Der Maler Otto Dix hat den Anblick vieler Kriegsgräuel und Gewalttaten ertragen müssen, hat ihnen standgehalten und sie dargestellt.

Vielleicht aus diesem Grund—nicht nur um solchen leidgeprüften Menschen ein Denkmal zu setzen, sondern auch um ihnen zu bezeugen: Auch Euch ist das Heil, die göttliche Wirklichkeit von Glaube, Liebe und Hoffnung erschienen— ist Maria bei ihm ein kleines, vollkommen verängstigtes Mädchen, das, in einem dunklen Raum auf einem altmodischen, reich geschnitzten Stuhl sitzend, zur Nachtzeit (durch das Fenster links oben ist nichts als Dunkel sichtbar) mit der guten Botschaft des Engels konfrontiert wird. Das Mädchen ist mit einem kurzen Trägerröckchen und einer weißen Bluse angetan und trägt eine damals übliche Kinderfrisur sowie lange weiße Kinderstrümpfe und hohe Schuhe. Der Stuhl, der schwer, aber nicht sehr stabil wirkt, könnte mit seinen Verzierungen an einen ärmlichen Thron erinnern. Maria scheint das grelle, fahlblaue Licht, das der auf sie hereinstürzende Engel ihr entgegenwirft, nicht ertragen zu können, blickt aber doch mit einem Rest Neugierde verstohlen aus den Augenwinkeln zu ihm hin. Die linke Schulter hat sie furchtsam hochgezogen, die Hände wirken nervös unsicher, die Füße sind von Angst, Schrecken und Hilflosigkeit ungelenk zueinander gedreht. So macht das Kind Maria einen ganz und gar hilflosen Eindruck. 2

Der Engel dringt wie im Sturzflug ungestüm in den Raum ein. Es ist ein geflügeltes menschlich-tierisches Mischwesen. Sein Antlitz und sein ausgestreckter rechter Arm sowie seine Hand sind die eines dunkelhäutigen Menschen. Der Rahmen seiner Flügel hat die Form eines straff gespannten Bogens. Sein Körper sendet, wie die Flügel, fahlblaues Licht aus, und ist wie die Flügel gefiedert. Auch der Schatten des Engels leuchtet blau.

Sein scharfer, eindringlicher Blick sucht den Augenkontakt mit Maria, seine spitze Nase weist auf ihr Gesicht, während er mit seinem leicht überdimensional langen Zeigefinger auf Marias Leib zeigt.

Die nach vorn schnellende Erscheinung des Engels wirkt wie eine vorwärtsdrängende Armbrust. Sein Licht—auch das Licht seines Schattens! - dringt unaufhaltsam in den immer noch dunklen Teil des Raumes, in dem Maria sitzt, vor. Das Licht ist stellenweise durchwirkt von der hellbraunen Färbung des Heiligenscheins des Engels.

Falls die Deutung zutrifft, dass der Zeigefinger des Engels leicht überproportional verlängert ist, könnte es sich hierbei um einen Hinweis auf den überdimensionierten Finger des Täufers Johannes im Kreuzigungsbild des Isenheimer Altars von Mathias Grünewald handeln. Wie bei Grünewald Johannes auf den gekreuzigten Christus als das Lamm Gottes hinweist, so würde dann hier der Engel Gabriel die Inkarnation des Gottessohnes im gesegneten Leib der jungen Gottesmutter anzeigen.

Es kann aber nicht ausgeschlossen werden, dass Hand und Finger des Engels männlichem Geschlecht ähneln. Würde diese Deutung der Intention des Malers entsprechen, so wollte er wohl damit zum Ausdruck bringen, dass der kommende Erlöser der Welt wahrer Mensch und wahrer Gott ist. Als wahrer Mensch muss er menschlich gezeugt und im Mutterleib ausgetragen werden. Auf seine göttliche Natur weist aber das überirdisch anmutende Licht hin, das von der Erscheinung des Engels ausgeht. Man könnte dann auch die Form des Gefieders als göttliche Samenzellen auslegen, die sehr bewegt und lebendig vibrierend wirken; besonders diejenigen Formen, die einen augenförmigen Zellkern enthalten. In diesem Falle würde der Engel vor Fruchtbarkeit geradezu überborden.

Beide Deutungen können m. E. nebeneinander bestehen, da das Bild für beide Möglichkeiten offen zu sein scheint.

Der Fußboden ist zweigeteilt: Im Bereich der Maria ist es ein flächiger dunkelbrauner Holzfußboden, im Bereich des Engels dagegen ein gefliester Steinboden. Die Fliesen sind abwechselnd entweder dunkelbraune Rhomben (die dunkle Farbe aus dem Bereich der Maria) oder blaue geschrägte Rechtecke zwischen den Rhomben (die hellblaue Farbe des Engels). So mischen sich im Bereich des Engels die dunkle Erdfarbe der menschlichen Welt der Maria und die himmlische Farbe der göttlichen Welt des Engels. Die dunklen Rhomben sind horizontal, die hellblauen Schrägrechtecke sind vertikal ausgerichtet. So wirkt der Steinfußboden im Bereich des Engels, im Gegensatz zum flächigen Holzfußboden im Bereich der Maria, überaus plastisch und scheint in die Höhe zu wachsen. Göttliche und irdische Wirklichkeit berühren sich, die göttliche durchwirkt die irdische Wirklichkeit.

Wenn dieses Bild von der Verkündigung an Maria wegen des kindlichen Alters der Gottesmutter und wegen der dem Bild innewohnenden Dramatik auf den ersten Blick auch schockierend wirken mag, so enthält es doch, so wie der zugrunde liegende Text aus dem

1. Kapitel des Lukas-Evangeliums, eine froh machende und heilsame Botschaft: Das überirdische Licht der göttlichen Welt dringt bis in die letzten Winkel der Dunkelheit vor und erhellt sie. Manchmal ist seine Heilkraft so gewaltig, so übermächtig, dass wir Menschen sie gar nicht fassen können. Manchmal sind wir auch noch nicht reif, das, was Gott uns sagen und was er uns geben will, zu fassen und zu begreifen. Wie die Frauen am österlichen Grab nach dem Bericht des Markus-Evangeliums erschreckt flohen wie von einem Ort des Grauens, so erschrickt auch hier Maria. Aber sie kann standhalten, und sie weicht dem Blick des Engels nicht aus. Ein Anfang ist gemacht, der dann möglicherweise nach einem langen Reifungsprozess doch zur Einwilligung in das plötzliche Widerfahrnis führen wird: „Mir geschehe, wie du gesagt hast!" Doch bis dahin ist es noch ein langer Weg.

Uns, die wir dieses Bild betrachten, mag es helfen, die Fremdheit und Andersheit zu ahnen, mit der die heilsame Wirklichkeit Gottes, die wir manchmal nicht fassen können, bisweilen in unsere Welt einbrechen kann, und uns darauf einzustellen, damit auch wir das Heil der Welt annehmen und sagen können: „Mir geschehe, wie du gesagt hast."

Udo Hofmann, Dezember 2011

Link zum Bild

Otto Dix, Verkündigung (1950). Mischtechnik auf Leinwand; 112 x 122 cm

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